Netaya Lotze
(Münster)

10. Februar 2023

Semantische Dialog-Kohärenz in
Mensch-Maschine-Interaktionen

Die Interaktion mit künstlichen Intelligenzen (Mensch-Maschine-Interaktion, MMI, Human-Computer-Interaction, HCI) entwickelt sich derzeit rasant zu einer  weit verbreiteten Form der internet-basierten Kommunikation. Leider fehlt HCI-Dialogen gerade in längeren Sequenzen immer noch der logische „rote Faden“. Wie User*innen mit dieser spunghaften, oft inkohärenten Form von Interaktion umgehen, erforscht unsere Abeitsgruppe „KI und Sprache“ in Münster.

Der Vortrag thematisiert zwei korpuslinguistische sowie konversationsanalytische Studien zur sprachlichen Performanz von User*Innen unterschiedlich ausgereifter Chatbots und Socialbots. Sie zeigt mittels quantitativer und qualitativer Analysen, wie Menschen mit solchen Entitäten auf unterschiedlichen linguistischen Ebenen interagieren (Dialogstruktur, interaktives Alignment, Lexik, Syntax). Die empirische Basis stellen fünf Korpora mit HCI-Logfiles dar und ein Parallelkorpus zur internet-basierten Mensch-Mensch-Kommunikation. In der ökologischen Validität der Felddaten liegt ein großer Vorteil dieses Projekts im Vergleich zu den in der HCI-Forschung gängigen experimentellen Ansätzen. Auf dieser Grundlage kann die HCI als extrem heterogene Interaktionsform beschrieben werden. Prominentes Ergebnis der Studien ist, dass HCI-Dialoge nicht nur von User*In zu User*In und von System zu System differieren, sondern auch dialog-immanent von Sequenz zu Sequenz, weil sie sowohl von dialog-externen Faktoren (User*Innen-Typ, Systemarchitektur, System-Persona, pragmatischer Kontext etc.) als auch von dialog-immanenten Aspekten (Dialoge-Design, Dialog-Phase, Lexik, Syntax, Dialogstruktur). beeinflusst werden. Aus diesem Grund wäre es eine unzulässige Verallgemeinerung, alle diese Spielarten der HCI unter ein einzelnes Register „Computer-Talk“ (Krause et al. 1992) zu subsumieren.

Bei HCI-Dialogen handelt sich (vor allen anderen!) um heterogene Dyaden, da Bots nur die Illusion von Kohärenz auf der Performanzebene schaffen können, Menschen aber den Anspruch auf einen kohärenten Interaktionsverlauf in der Regel nicht aufgeben. Also müssen unterschiedliche Begriffe von Kohärenz Anwendung finden:

• die (echte) logisch-kognitive Kohärenz seitens der User*Innen

• die erfolgreich generierte Illusion von Kohärenz seitens der Systeme

• die Quasi-Kohärenz seitens der Systeme, die zwar kohäsive Oberflächenphänomene aufweist, aber ambig oder logisch nicht kohärent ist

Auf der Grundlage eines in dieser Form modifizierten Kohärenzbegriffes wurde im Rahmen der Studien die logische Progression in den vorliegenden Untersuchungskorpora (HCI und HHC) anhand von sprachlichen Indikatoren an der Oberfläche und in der Tiefenstruktur analysiert (Alignment, Anaphern, Pronominale Referenz etc.) . Dabei wurden auf beiden Ebenen sowohl quantitative als auch qualitative Analysen der Makro- und Mikroprozesse vorgenommen, um diesen komplexen Phänomenen besser gerecht zu werden. Quantitativ erhoben wurden eine Reihe kohärenzschaffender Oberflächenphänomene. Für die Analyse der logisch-semantischen Tiefenstruktur (Isotopie etc.) wurden nach den o. g. Kriterien ganze Turns hinsichtlich ihres Kohärenzbezugs zum Vorgänger-Turn getaggt und ausgezählt. Die qualitative Analyse erfolgte anhand einzelner exemplarischer Dialogsequenzen ethnomethodologisch.